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Heft 223, Februar 2007  

 


Entscheid im Informalturnier 2004, Abteilung Selbstmatts
Entscheid im Informalturnier 2005, Abteilung Zweizüger
Zvonimir Hernitz, Zdravko Mazlar: Pseudoidentische Matt- und Pattbilder
Ausschreibung zum 201. Thematurnier der Schwalbe
Aktuelle Meldungen

Odette Vollenweider: Gleiche Inhalte in Zwei- und Dreizügern
Urdrucke
Lösungen aus Heft 220, August 2006
Bemerkungen und Berichtigungen
Turnierberichte
Löserliste

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Gleiche Inhalte in Zwei- und Dreizügern (II)
von Odette Vollenweider, Zürich
X

Von mehreren Schachproblem-Konzepten werden in diesem Artikel Beispiele in Zwei- und Dreizügern einander gegenübergestellt, pointierte Probleme aus verschiedenen Jahrzehnten und fünfzehn Ländern. Bei der Auswahl wurde darauf geachtet, dass in den meisten Kompositionen den entsprechenden Themen eine spezielle Note verliehen wurde.

Halbfesselung - Half-pin
Im ersten Teil dieses Beitrags war das Kreuzschach der Vertreter eines besonders „vitalen" Themas, im zweiten Teil sollen Fesselungskonzepte diese Rolle übernehmen. Sie werden in zwei Gruppen aufgeteilt, begonnen wird mit Beispielen, in welchen die Halbfesselung eine wichtige Rolle spielt, und später, als 3. Gruppe, folgen Beispiele aus dem weiteren vielfältigen Fesselungs-Ideenbereich.

Die Halbfesselung dient vielen Probleminhalten als formales Element. Doch das eigentliche half-pin-Thema lautet: zwei halbgefesselte Steine werden einzeln weggelenkt, damit die volle Fesselung des verbliebenen genutzt werden kann. Die weit verbreitete englische Bezeichnung half-pin für die Halbfesselung wurde von dem 19-jährigen Briten Comins Mansfleld 1915 in einem Brief an den amerikanischen Problemisten Murray Marble erstmals benutzt und geprägt. Mansfield hat die zuvor nur sehr sporadisch aufgetretene Halbfesselung neu entdeckt und zu deren Ausbreitung maßgeblich beigetragen, unter anderem mit bewundernswerten Aufgaben wie Nr. 20, die aus dem vorerwähnten Jahr stammt.

Der Versuch 1.Lb6? [2.Ta5##] scheitert überraschend an 1.– La5! 2.? Daher 1.Lc7! [2.Ta5##] 1.– La5! 2.Tb6#! (2.T:a5++? Kb4!), 1.– La3 2.b3#, 1.– Lc3 (Lc5) 2.Tb3#, 1.Ld2 2.D:c2#, 1.– Sc6 2.Ta5# nun einfaches Turm-#. 1.– S:b5 2.b:a8D!# zweimal je zwei Fesselnutzungen. [1.– Sb3+ 2.a:b3#] Eine direkt unenglisch fulminante Gestaltung von gleich sechs Themavarianten! [1936 widmete der amerikanische Kunstschach-Mäzen A. C. White diesem Komponisten den Band A Genius ofthe Twomover.]

20 Comins Mansfield
Hamphsire Telegraph & Post 1915
1. Preis
21 Giorgio Giudelli
The Brisbane Courier 1917
1. Preis
22 Wieland Bruch
NZZ-Turnier 2004/05
2. Ehrende Erwähnung
#2 (10+12) #2 (8+14) #2 (11+10)

Ein Gedankenblitz G. Guidellis wiederum würzt in Nr. 21 den bekannten Verlauf des gleichen Themas: 1.Se1! [2.Td4#] 1.– Lg4 2.Dd3#!, 1.– Sg4 (g6) 2.Df3#! Als Erster zeigte er die attraktive Verflechtung des half-pin mit der Entfesselung einer weissen Figur, hier der wD, die danach mattsetzen kann! 1.– Se~ anders 2.Se7#, 1.– D:c3 2.S:c3#. [Leider muss noch eine Korrektur erfolgen gegenüber Teil 1: G. Guidelli, geb. 1897, starb 1924 im Alter von erst 27 Jahren.]

Mit Nr. 22 kommen wir in die Gegenwart: 1.Tb4! [2.Sd6#] 1.– K:f5 2.Sce3#! (2.Sde3+? Kf6!) 1.– Le~ nun 2.Sde3#! (2.Se7+? Tc6!) 1.– Ld6 jetzt 2.Se7#! der soeben voll gefesselte sTe6 darf gleich wieder entfesselt werden, denn sein Zugang zur Mattlinie ist vom eigenen Läufer auf d6 verstellt: Thema Goethart (2.Sde3+? Kd4! und 2.Sc:d6+ Ke5!) 1.– Tc6 2.Sf6#! Zweifache Fesselnutzung, 1.– Ta6+ Sa5# Das Zusammenwirken von Halbfesselung und zwei Batterien ist sehr reizvoll, ferner gibt es fortgesetzte Verteidigung von Le5 mit vorzüglicher Mattpräzisierung: eine rundum begeisternde Aufgabe!

23 Giorgio Mirri
L'Italia Scacchistica 1976
2. Preis
24 Vincent L. Eaton
Western Daily Mercury
1. Preis
25 Walentin Udartsew
Youisnij 1990
1. Preis
#3 (14+10) #3 (9+11) #3 (9+13)

Natürlich bedienen sich die Dreizüger-Komponisten ebenfalls der Halbfesselung, diese ist indes häufiger im Zweizüger zu finden. Doch in Nr. 23 begegnen wir einem Glücksfall: Der bekannte, phantasievolle italienische Komponist Giorgio Mirri ließ sich vom half-pin inspirieren und goss diesen in die dreizügige Form, wodurch er ansprechend weitergeführt wurde. Nr. 23: 1.Lg7! [2.Dh4+ Se4(Sf4) 3.D:S#, 1.– Sf4 2.La2! [3.Tc4#] 2.– Sd5 Rückkehr! 3.Td3#, 1.– S:f5 2.T:c5 [3.c3#] 2.– Sd6 Rückkehr! 3.Dd3#. Nach dem Drohspiel beginnt in beiden Varianten die schwarze Abwehr wie gewohnt durch die Ganzfesselung je einer eigenen Figur. Was neu ist, Weiß nutzt dies zu einer sekundären Drohung, welche Schwarz durch Rückkehr in die Halbfesselung verhindern muss! Doch nun soll Weiß trotz dieser wieder stärkeren Position von Schwarz ein Matt haben. Dieses Problem ist ein Beispiel dafür, wie selbst längst bekannte Problemthemen immer wieder Anregung schenken können zu neuen Ideen, und das Thema Mirri könnte seinerseits Impulse geben zu weiteren Darstellungen dieser vertieften half-pin-Version.

In der Kolumne „Browsing in the Library" (Beim Blättern in der Bibliothek) hat Michael McDowell im renommierten englischen The Problemist zu Recht an V. L. Eaton (1915–1962) erinnert. Dieser zählt zu den führenden amerikanischen Komponisten, vor allem auf dem Gebiet des Dreizügers. Ihm verdanken wir denn auch einen pikanten problemistischen Leckerbissen: In Nr. 24 wird eine weiße gegen eine schwarze Halbfesselung eingesetzt! Beide bestehen bereits in der Ausgangsstellung, die schwarze in der Vertikalen, die weisse in der Diagonalen, das Drohspiel lautet: 1.LcS! [2.Sd7+, Kd5 3.Dg8#] Schwarz verstellt nun zweimal die Deckungslinie des wLa3. Dadurch steht Weiß nur noch in Drittelfesselung und kann ruhig die zuvor halbgefesselte Figur zum Schachgebot und die zweite zum Matt wegziehen: 1.– c5 2.Sc6+ L:c6 3.f4#! und 1.– Tc5 2.f4+ S:f4 3.Sf3#!, 2.– Kd6 3.S:f5##. Schwarz aber muss die ihm Schach bietenden Steine schlagen, was seine zweite Themafigur voll fesselt: So führen die schwarzen Züge zu den bekannten half-pin-Abspielen, während anderseits Weiß seine Halbfesselung komplett auflösen kann. Eine konstruktiv schwierig zu gestaltende Idee, brillant gemeistert, führt zu einem spannenden Lösungsverlauf!

Nr. 25 ist ein Diagramm aus neuerer Zeit. 1.Dd8! 2.Dg5+ A S:g5 3.Sd5# B. 1.– Tg1 2.Sd5+ B L:d5 3.Df6# C. 1.– Td3 2.Df6+ C S:f6 3.Se6# D (2.Se6+? L:e6+!), 1.– Td1 2.Se6+ D L:e6 3.Dg5# A (2.Df6+? S:f6!). In seinen ersten Zügen deckt Schwarz das von Weiß anvisierte Schachfeld bzw. die Mattfelder. Erst die mit Figurenopfern verbundenen weißen Schachs locken je eine halbgefesselte Figur aus der half-pin-Linie, sodass die Fesselung der zweiten genutzt werden kann. Hinzu kommen zweimal die Dualvermeidung für den 2. weißen Zug – und man entdeckt auch noch einen vierfachen Zyklus der 2. und 3. Züge! Reichhaltig und exzellent ausgearbeitet.

Thema Grimshaw
Drei- und erst recht Mehrzügerthemen können vom Zweizüger kaum je übernommen werden. Doch selbst hier gibt es Ausnahmen: Als 1850 sein Diagramm in den Illustrated London News erschien, hätte sich der 18-jährige Walter Grimshaw (1832–1890) vermutlich nicht träumen lassen, dass seine Idee nach rd. fünf Jahrzehnten erst wirklich wahrgenommen, später aber nach ihm benannt und zu einem der international verbreitetsten Themen werden würde. Seine Urfassung war ein Fünfzüger, mit einer kritischen Lenkung, und die berühmte, „Schwalbe" (!) gegenannte vierzügige Version von J. Kohtz und C. Kockelkorn von 1911 enthielt dann die kritische Lenkung von sT und sL und anschliessend die reziproke schädliche Verstellung. Mit der Zeit fielen aber die kritischen Lenkungen immer öfter weg – und so wurde der Grimshaw selbst für Zweizüger-Komponisten zugänglich. In Nr. 26 wird dies auf überzeugende Art bewiesen:

26 Wiktor Kapusta
Sergej Limast

M.T. Dzektser Problemist
Yuga 1996
1. Preis
27 Milan Vukcevich
StrateGems 2002
(Auszeichnung?)
28 I. A. Schiffmann
Schachmaty 1928
5. Preis
#2 (11+10) #2 (12+9) #2 (9+10)

1.Sf3? [2.S:d2/S:g5#] aber 1.– Ld6!; 1.Sc4? [2. nur S:d2#] aber 1.– Td6!, 1.Sf7? [nur 2.S:g5#] aber 1.– d6!, daher 1.Sg4! [2.Sf2#] 1.– Td6 2.Ta4#, 1.– Ld6 2.Sb6#!, 1.– d6 2.De6#, 1.– f:g4/f4 2.D:g6# Es gibt Springer-Auswahlschlüssel, welche zu drei thematischen Scheinlösungen führen, die von den drei Grimshaw-Themasteinen nacheinander auf dem Schnittpunkt d6 verhindert werden! Nach dem richtigen Erstzug von Weiß kann dieser die drei Verstellungen auf d6 nutzen: Tripel-Grimshaw, da auch der Bd7 zur Themafigur geworden ist. So ergibt sich ein guter Vergleich: Zu Beginn wurde die reziproke T/L-Verstellung im Drei- und Mehrzüger mit kritischer Lenkung dieser beiden Figuren eingeführt. Im Zweizüger, dessen Lösungsphase hiefür zu kurz ist, kann indes die Ausdehnung in thematische Verführungsphasen eine andere, doch ebenfalls bereichernde Thema-Einleitung bringen.

In Nr. 27 erkennt man eine ganz andere Grimshaw-Darstellung: 1.Tf3? dr. 2.Sf6#! A (2.Se3+? Kd3!) aber 1.– Kd5! a, 1.Lf3? dr. 2.S:f2# B aber 1.– Kd3! b; 1.Sf3! dr. Sd2#!, 1.– Kd5 a 2.Sf6#! A, 1.– Kd3 b 2.S:f2#! B [1.– Sd3! 2.Se3# schirmt die soeben entfesselte schwarze Dame ab]. Doch wo bleiben die üblichen schwarzen T/L-Verstellungen? Genaues Hinsehen zeigt, dieses Problem hat sich nicht fälschlicherweise in diese Aufgabengruppe verirrt, denn hier entwickelt sich der recht seltene weisse Grimshaw: In allen drei Schlüsselzügen wird auf f3 der wSg4 für ein Matt entfesselt, was die drei Phasen harmonisch verbindet. Doch die eigenen gegenseitigen Verstellungen von wTh3 und wLh1 schaden hier Weiß (Selbstbehinderung) und lassen die Verführungen nicht durchdringen. Ferner hat der Komponist nebst der klassischen Idee das moderne Thema Dombrovskis ganz natürlich in diese Aufgabe einfließen lassen! Doch bereits im Jahr nachdem diese Aufgabe erschienen war, starb Milan Vukcevich, was in der Welt des Kunstschachs großes Bedauern ausgelöst hat.

Die Nr. 28 von I. A. Schiffmann gehört nicht zu seinen am häufigsten nachgedruckten Aufgaben, sie ist aber eine feine, innovative Komposition, in welcher er den Samen auswarf für eine erweiterte Grimshaw-Form: 1.Lg6! [2.Te2#] 1.– Tf5 2.Sd5#! und 1.– Lf5 2.Se6#!, und nach 1.– T:g6 2.Se6#! verstellt Weiß gleich beide nun offen stehenden vorherigen schwarzen Themafiguren, 1.– Te5 2.S:d4#, 1.– b3 2.Sa3#, 1.– d2 2.Db1#. Nach dem pointierten Drohspiel ist Weiß angewiesen auf seine vorerst noch maskierte Fesselungs-Linie von g6-d3. Daher verstellt Schwarz diese Linie vorbeugend durch doppelwendige T/L-Verstellungen auf f5. Dieser klassische Grimshaw reicht jedoch nicht, auch der verstellende schwarze Stein muss im Matt noch verstellt werden! Diesen verdichteten Grimshaw zeigte Schiffmann im gleichen Jahr auch in Kulisa (4. Preis). Seine Idee scheint damals aber kaum bewusst von anderen Problemisten aufgegriffen worden zu sein.

Doch nach rund fünf Jahrzehnten, 1977, hatte der erfindungsreiche griechische Komponist Byron Zappas einen Einfall, der mit demjenigen von Schiffmann nahe verwandt ist: Auch er sieht eine zusätzliche Verstellung vor, doch jetzt muss nicht der verstellende, sondern der schon verstellte Stein noch ein zweites Mal von Weiß verstellt werden! Weshalb? Weil die Sekundärdrohung die verstellende schwarze Figur zur Verteidigung weglotsen wird. Es ist gar nicht leicht, diese scharfsinnige Idee kompositorisch zu motivieren, und es braucht dazu natürlich die Länge des Dreizügers. Ob der polnische Komponist Piotr Ruszczynski je diesbezügliche Aufgaben von Schiffmann und/oder Zappas gesehen hat, ist nicht bekannt. Doch weitere 27 Jahre später ergänzen sich in seinem Preisträger Nr. 29 die beiden Ideen auf kreative, überraschende Weise:

29 Piotr Ruszczynski
Milan Vuczevich-MT 2004
1. Preis
30 Daniel Papack
Neue Zürcher Zeitung 1989/90
1. Preis
31 Milan Vukcevich
Ivanic-MT 1986
1. Preis
#3 (9+10) #3 (9+14) #3 (9+12)

1.Df6! [2.f:g3+ K:e1 3.Ld2#] 1.– Tc3 2.Ld2! A [3.Sc2# B] 2.– Tf3 3.Sd3#! (2.– Tc1/Te3 3.f:g3/f:e3#), 1.– Lc3 2.Sc2! B [3.Ld2# A] 2.– L:f6 3.Le3#! (2.– Le1 3.Se3#). sTc6 und sLb4 verstellen sich auf c3 normal gemäß Grimshaw, Weiß nutzt dies jeweils umgehend und verstellt seinerseits die schon verstellte schwarze Figur (Idee B. Z.). Im sekundären Drohmatt muss auch die schwarze Figur, welche verstellt hatte, noch von Weiß verstellt, abgeschirmt werden (Idee I. Sch.) Zur Abwehr der neuen Drohung löst Schwarz seine Grimshaw-Verstellung auf – und Weiß kann nun seine kluge präventive zweite Verstellung der Grimshaw-Figur nutzen (Idee B. Z.) Faszinierend intensiver, geistreicher Inhalt!

In Nr. 30 wechselt die „Tonart" erneut. Es soll aus dem Kommentar von Preisrichter GM H. P. Rehm zitiert werden: „Im Satz werden die Verstellungen auf b5 (Grimshaw) gleich genutzt, in der Lösung aber erst einen Zug später, wobei paradoxerweise im 1. Zug auf der nicht verstellten Linie geopfert wird. Dieser Mechanismus ist nicht neu, die vorliegende Verbindung mit einer Halbfesselung macht aber einen vorzüglichen Eindruck, besonders da auch die Matts wechseln. Einfache Fesselungen im Satz werden im Spiel durch doppelte ersetzt. Die Kurzdrohung ist kaum zu vermeiden, dafür wird ein Fluchtfeld gegeben." 1.– Tb5 2.T:c4+ Sd4 3.Dd3#, 1.– Lb5 2.c3+ Td3 3.Sg3#, 1.Da5! [D:e5#] 1.– Tb5 2.c3+ T:b1 3.D:e5#, 2.– Td3 3.T:c4#, 1.– Lb5 2.T:c4+ L:c4 3.D:e5#, 2.– Sd4 3.c3# (1.– Kd4 2.Td1+ Ke4(Td3) 3.D:e5# Ein hervorragendes Problem!

Mit ihrem originellen Akzent kann schließlich Nr. 31 diese Themengruppe aufs beste abrunden. Weiß zieht die Fäden allein mit stillen zweiten Zügen: 1.Sg5! [2.S:e4 und 3.Sc3#] 1.– Tf3 2.K:g4 [3.Sg~#] 2.– T~+! 3.Sf3#, 2.– Se6 3.S:e6#, 1.– Lf3 2.K:f4 [3.Sg~#] 2.– L~+! 3.Sf3#, 2.– Se6+ 3.S:e6#; (1.– Sa8, dieser Zug in die ferne Ecke pariert das Drohspiel, denn jetzt 2.S:e4? S:b6 3.Sc3+? Kd4!, daher 2.Sf3! wodurch Feld f3 auch noch zu einem Nowotny-Schnittpunkt wird: 2.– L:f3 3.K:f4#, 2.– T:f3 3.K:g4#.) In den beiden thematischen Varianten nutzt Weiß jeweils umgehend die Verstellungen auf f3, wonach eine sekundäre Drohung entsteht. Schwarz wehrt diese ab durch Auflösung seiner Verstellung, mit Schachgebot. Eine spritzige Idee, Grimshaw mit Kreuzschach zu verbinden!

Man ist erstaunt, wenn man feststellt, wie in den sehr verschiedenen hier gezeigten Grimshaw-Aufgaben das zugrunde liegende Konzept – die genutzte reziproke Verstellung von zwei Langschrittlern, meist Turm und Läufer – nie tangiert wurde. Es sind vielmehr von den Komponisten ersonnene weitere Ausdrucksformen bzw. zusätzlich aufgestellte Anforderungen bezüglich des Grundthemas, dank denen die Probleme sich so unterschiedlich präsentieren können: Grimshaw mit thematischen Verführungen, Tripel- und auch weißer Grimshaw, eine zusätzliche Verstellung wird nötig, einmal der verstellenden, einmal der verstellten Figur, paradoxe Grimshaw-Form, nebst sofortiger auch die verzögerte Verstellungsnutzung und schließlich Auflösung der eigenen Verstellungen durch Schwarz, wobei dies einmal mit einem zweiten Thema, dem Kreuzschach, verbunden wird! (Es gäbe noch weitere Beispiele, die jedoch nicht auch noch gezeigt werden können). Solche Darstellungs-Vielfalt rund um das Kernthema ist auch bei weiteren Konzepten zu beobachten. Es ist jedoch beizufügen, dass ebenfalls interessante Variationen eines bekannten Themas durchaus begrüßenswert sein können.

32 Arnoldo Ellermann
L'Italia Scacchistica 1926 Ehrende Erwähnung

33 Frederick Gamage
Chess Correspondent 1946
34 Ele Vissermann
British Chess Federation 1961
1. Preis
#2 (9+8) #2 (9+11) #2 (8+8)

Diverse Fesselungsthemen
Der berühmte Zweizügermeister A. Ellerman (1893–1969) eröffnet mit Nr. 32 diese Themengruppe: Im Schlüsselzug wird mutig die schwarze Dame entfesselt und ein weißer Springer geopfert. 1.Sd4! [2.Ta4#], dann folgen überraschende Varianten 1.– K:d4 2.e3#, 1.–D:d4 2.Sc7#, 1.– D:d5+ 2.Tc6#, 1.– D:e2 2.Sb4#, 1.– De6 2.Se3#. Die zuvor entfesselte schwarze Königin steht in allen fünf Abspielen erneut in Fesselungsstellung, was Weiß das Matt ermöglicht. Die erste Gestaltung dieses schwierigen Tasks wurde ohne Konzessionen und mit lateinischer eleganza erzielt – von den Preisrichtern aber leider nicht entsprechend gewürdigt. Der Argentinier Arnoldo Ellerman und der Italiener Giorgio Guidelli erwiesen sich, trotz starker Konkurrenz, als Champions nach den vielen Problemturnieren der ausstrahlungsreichen, in Amerika gegründeten „Good Companion" Society für Problem-Komponisten aus aller Welt (1913–24).

Dem amerikanischen Komponisten Frederick Gamage (1882–1956) fiel nicht nur das später nach ihm benannte Thema ein, sondern er schuf auch weitere ausgezeichnete Aufgaben, wofür Nr. 33 ein Beispiel ist: 1.Kg3! Fesselung des eigenen Td6 [2.e4#] 1.– D:d6+ 2.S:d6# (2. Fesselung und Fesselungsnutzung) 1.– Sd3 ~ (3. und 4. Fesselung, von sSc2 und wBe3) 2.Sd4#! (5. Fesselung und doppelte Fesselungsnutzung) 1.– Se5! (6. Fesselung sowie Entfesselung wTd6 und Voraus-Entfesselung von sLc5!) 2.Tf6#! (1.– Lc6 2.D:g6#). Man kann nur bewundernd den Kopf schütteln, mit welcher Bravour 6 Fesselungen, 2 Entfesselungen und 3 Fesselnutzungen in die kurze einphasige Lösung gegossen wurden! Hat man sich einmal länger mit modernen, konstruktiv oft anspruchsvollen, jedoch zuweilen etwas spröden, undurchbluteten Schema-Problemen befasst, so können Kreationen wie Nr. 33 – mit ihrer Prise Loyd'schem Überschwang – als erfrischende, belebende Dusche wirken.

In Nr. 34 führt ein berühmter Holländer in eine sehr interessante Aufgabe: 1.Da8! [2.Te6#] 1.– K:e3! 2.Sc2#! (2.S:d5? T:d5!), 1.– Ke5! 2.Sc6#! (2.S:d3 T:d3!, 2.D:d5? T:d5!), 1.– L:e3 2.D:d5# (2.S:d3? L:d4!), 1.– f:e3 2.S:d3# (2.Sc6? T5d4!, 2.D:d5? Kf4!) 1.– e5 2.S:d5# (2.Sc2? T3d4!). Der wehrbereite schwarze König entfesselt in seinen zwei Fluchtzügen gleich die beiden eigenen Türme, was die Situation von Schwarz entscheidend verbessert. Doch dann nimmt Weiß diese gegnerischen Türme in seine Dienste, indem sie einen wichtigen Part in der meisterlichen Dual- und Trialmatt-Vermeidung übernehmen müssen – herrlich konzipiert!

In Nr. 35 brilliert L. Loschinski (1913–1976), ein Vertreter der Weltklasse, mit einer dreizügigen Komposition, in der Schwarz selbst in drei Abspielen stets drei (!) eigene Figuren fesselt, was von Weiß in schönen Mustermatts genutzt wird! 1.Sc2! [2.Sd6#] 1.– K:d5 2.Db7+ Dc6 3.Sd6#! (2.– Ke5 2.Lg7#) 1.– Dc5 2.Sd6+ K:d5 3.Sb4#! (2.– D:d6 3.Dd4#), 1.– T:b5 2.g:f3+ K:d5 3.Sb4#! (2.– K:f3 3.Dg2#) Ein fantastischer Task!

35 Lew Loschinski
Swerdlowskogo KFS 1946
1. Preis
36 Robert Burger
R.C.O. Matthews
M. Niemeijer MT 1989/90
2. Preis
37 Waleri Schawyrin
Probleemblad TT 2002
1. Preis
#3 (10+8) #3 (13+11) #3 (13+11)

Nr. 36 1.T:d6! [2.T:e6+ K:d4 3.Da4#] 1.– Tf6 2.Tf5+! L/T:f5 3.T:d5# 2.– K:d4 3.Da4#, 2.– K:d6 3.Sb5#, 1.– Tc3 2.Te3+! K:d4 3.Te4#, 2.– K:d6 3.Sb5#, 1.– K:d4 2.Da4+ Ke5 (Rückkehr) 3.T:e6# (1.– K:d6 2.Lb8+ Sc7 3.S:b7#, 1.– b5 2.S8c6+ Ke4/K:d6 3.Tf4/De7#). Verlässt der sK die Diagonale h8-b2, steht der wSd4 unliebsam in Fesselung. Daher veranlasst Weiß im voraus die beiden gegnerischen Türme dazu, die drohende Schachlinie selber zu verstellen (Vorausentfesselung)! Zudem ermöglichen die Züge 1.– Tf6 und 1.– Tc3 einen Umnow I, der diesen Hauptvarianten eine zusätzliche Würze verleiht!

In Nr. 37 zeigt der Dreizüger-Weltmeister von 2001–2004 eine begeisternde Fesselungs-Idee: 1.Tc6! [2.Sgf6+ A! K:e5 3.T:e3#] 1.– L:e5 2.f6+ B! K:d5 3.S:e3#, 1.– D:c3 2.Shf6+ C! Kf4 3.f:e3#!, 1.– S:c6 2.T:e3+ d:e3 3.Sgf6# A (2.– K:d5 3.Lf7#), 1.– Sd6 2.T:d6 ~ 3.f6# B, 1.– K:d5 2.T:d4+ D/B:d4 3.Shf6# C. Im Drohspiel und in den ersten zwei Varianten wird der sBd4 aus drei Richtungen von drei verschiedenen weissen Figuren (Lc3, Td3 und Da4) gefesselt, was drei entsprechende Fesselnutzungen im Matt, immer auf e3, ermöglicht! Ferner sind die Züge A, B und C vorerst die Schachgebote von Weiß, in weiteren Abspielen werden sie zu den Matts A, B und C. Anspruchsvoller Inhalt, meisterlich gestaltet!

[Die berühmte Schiffmann-Parade in ihren drei Formen ist ein besonders geistreiches strategisches Fesselungsthema. Daher war tatsächlich vorgesehen, auch dieses Konzept in zwei und drei Zügen zu zeigen, und zwar sollte nur aus Kompositionen, die für das Schiffmann-Centenar von 2003 und danach entstanden sind, ausgewählt werden. Doch es zeigte sich, dass inzwischen bereits eine ganze Anzahl interessanter und auch innovativer Aufgaben erschienen ist, weshalb diesen und noch kommenden gehaltvollen Schiffmann-Diagrammen in ungefähr drei Jahren ein eigener Beitrag gewidmet wird.]

Zyklen
Als Inbegriff des „Zyklus" gilt wohl auch heute noch im Dreizüger jener der 2. und 3. weißen Züge, dessen Glanzzeit vorwiegend in die Jahre von 1965–1985 fällt, doch auch später erschienen vorzügliche Versionen (z.B. Nrn. 25 und 40). Für diesen Zyklus, der sich in einer Phase abspielt und auf weisse Züge beschränkt, ist der Zweizüger zu kurz. Wollten seine Komponisten dennoch einen ähnlichen Kreislauf erzielen, mussten sie eigene Wege suchen.

Ein Beispiel ist Nr. 38, welche eine geradezu lyrisch schöne zweizügige Gestaltung bringt: 1.Ld3! Zugzwang. 1.– Kc5 2.Sce4# A (nicht 2.Sfe4+? B Kd4!), 1.– Ke7 2.Sfe4# B (nicht 2.Se8+? C Kf8!), 1.– Kc7 2.Se8# C (nicht 2.Sb5+? D K:b8!), 1.– Ke5 2.Sb5# D (nicht 2.Sce4+? A Kf5!). Ein einphasiger Zyklus zweiter weisser Züge, AB-BC-CD-DA, von der Königs-Sternflucht eingeleitet und durch Dualvermeidung ermöglicht! Eine bemerkenswerte Zugabe sind drei Scheinlösungen, die zwar alle an 1.– Kc5 scheitern, aber auf den schwarzen Königszug nach e7 drei verschiedene Matts bringen: 1.Dh5? Zz. 1.– Ke7 2.De5#, 1.Dh6? Zz. 1.– Ke7 2.Df8#, 1.T1b?? Zz. 1.– Ke7 2.T:d7# und ein vierter Mattwechsel folgt in der Lösung: 1.– Ke7 2.Sfe4#! [Bereits in den Dreißigerjahren haben vor allem russische Komponisten, unter ihnen der erfinderische Mark Barulin, sich mit Dualvermeidung befasst, und neben der „prosaischen" Dualverhütung aller Problemisten trat danach international die thematische Dualvermeidung auf, welche größere Differenzierungs-Fähigkeit voraussetzt, den Aufgaben aber zusätzliche Prägnanz schenkt.]

38 W. J. G. Mees
Schakend Nederland 1965
1. Peis
39 Gerard Smits
The Problemist 1984
4. Preis
40 Marcel Tribowski
Thosten Zirkwitz

Schach aktiv 1993
1./2. Preis
#2 (11+3) #3 (12+11) #3 (9+12)

Wie manche weitere Problemidee kann die Zyklik sporadisch schon in frühen Aufgaben entdeckt werden, als sie noch nicht zum Thema geworden war. Ob angestrebt oder sich im Lösungs-Ablauf von selbst ergebend, ist nicht zu eruieren, u.a. weil damals die Buchstaben-Bezeichnung dieser thematischen Züge noch nicht bekannt war. Inzwischen gibt es im Dreizüger eine recht grosse Anzahl vor allem drei- und viergliedriger Zyklen. Letztere sollten indes nicht nur erzielt werden, sondern es wird geschätzt, wenn sie sich auch in einer nicht forciert, sondern einheitlich wirkenden Lösung entwickeln! Nr. 39 entspricht beiden Anforderungen aufs beste: 1.d6! [2.T:e7+] pariert Schwarz mit den Pickaninny-Zügen des angegriffenen sBe7! 1.– e6 2.Tg4 A K:f5 3.Ld3# B, 1.– e:d6 2.Ld3+ B Kd5 3.D:f3# C, 1.- e:f6 2.D:f3+ C K:f5 3.Sg3# D, 1.– e5 2.Sg3+ D K:f4 3.Tg4# A. Dieser viergliedrige Zyklus AB-BC-CD-DA entfaltet sich sehr natürlich innerhalb der vier harmonischen Themavarianten, und ein zusätzlicher Wert sind die vier Vorausblöcke des Pickaninny-Bauern!

Das hohe Niveau und die Finessen, vor allem in den noch folgenden Dreizügern, können besser genossen werden, indem man sie löst oder nachspielt. Nr. 40 bringt eine zweiphasige Variation. Statt des üblichen einphasigen Kreislaufs erfolgt jetzt in Verführung und Lösung in je zwei Abspielen die reziproke Vertauschung der 2. und 3. weißen Züge, 1.Le6? [2.Df5/Sc4#] 1.– L:e6 2.Sc4+ A L:c4 3.Df5# B, 1.– D:e6 2.Df5+ B D:f5 3.Sc4# A aber 1.– f5! 1.Dd1! [2.Ld5 und 3.Sc4#, 2.– D:d5/Sd2 3.D:d5/Da1#] 1.–De6! 2.Sg4+ C D:g4 3.Dd5# D, 1.– Le6! 2.Dd5+ D L:d5 3.Sg4#C. [1.– Ke4 2.Dd3+ Ke5 3.Sd2~#, 2.– Kf3 3.Tf1#, 1.– Sd2 2.Sg4+ L:g4 3.Da1#] Diese ausgezeichnete Komposition ist bereits ohne Zyklik gehaltvoll: In der Verführung entfaltet sich der Plachutta mit Schnittpunkt auf e6, in der Lösung wird Schwarz durch das Drohspiel mit stillem 2. Zug zu den Holzhausen-Verstellungen, auch auf e6, verleitet. Die gegenseitigen Vertauschungen der 2. und 3. Züge, AB-BA sowie CD-DC, werden glänzend in die Schnittpunkt-Thematik integriert! Ein Bijou.

Was nun den Höhepunkt, den sechsgliedrigen Zyklus, betrifft, so schrieb F. Chlubna noch 1994: „Jede Bewältigung dieses enorm schwierigen Tasks ist eine gewaltige Leistung." In Nr. 41 gelang Andrej Lobussow schon 1976 sein erster, damals noch äusserst seltener Zyklus AB-BC-CD-DE-EF-FA, und dies mit nur 17 luftig gestellten Steinen: 1.Sb4! 2.Sbc6+ A L:c6 3.Sf5# B. 1.– La8 2.Sf5+ B Kc5 3.Sbd5# C. 1.– Kc5 2.Sbd5+ C Kd4 3.Sec6# D. 1.– Df3 2.Sec6+ D L:c6 3.Sc2# E. (2.– Kc5 3.Sd5#), 1.– Dc2 2.S:c2+ E Ke5 3.Sed5# F (2.– L:c2 3.Sec6#), 1.– Ke5 2.Sed5+ F Kd4 3.Sbc6# A! Je mehr zyklische Glieder gebracht werden, je anspruchsvoller wird es, sie gleichzeitig in einer homogenen Lösung zu entwickeln. Doch hier wird es durchaus erreicht: Der Schlüssel überlässt dem sK zwei Fluchtfelder, was eine Lösung erschließt, in welcher sich ein brillant präzisiertes Spiel zweier vorerst indirekter Batterien entfaltet. Eine Pointe ist ferner, dass alle zwölf Zykluszüge von den beiden weißen Springern in vortrefflichem Zusammenwirken übernommen werden! Diese hochwertige frühe Komposition des jungen A. Lobussow ließ bereits den kommenden Meister erahnen. [Zu der nicht großen Gruppe weiterer Komponisten, die den sechsgliedrigen Zyklus im Dreizüger zeigten, gehören u.a. R. C. O. Matthews, E. Visserman, M. Gafarow, J. M. Loustau, M. Keller, M. Manolescu.]

Einige Leser fragen sich vielleicht, ob Zyklen auch in Vierzügern figurieren. Dies gibt es, und da ist speziell eine grossartige Version von Jakow Wladimirow, Probleemblad 1966, 1. Preis. Die Stellung wird für Interessenten angegeben. Weiß: Ka2, Tb3 und h4, La3 und b7, Se2 und g2, Ba4, c2, d2 = 10. Schwarz: Kc4, Dg8, Td8 und e8, Lg6 und h8, Sc8 und f8, Bd4, e4, f4, g5 = 12. Matt in 4 Zügen. 1.Kb1! [2.Tb4+ Kc5 3.Tb5+ Kc4 4.Tc5#] In den drei Thema-Abspielen erscheint inmitten einer pointierten Lösung in den 2., 3. und 4. weißen Zügen der Zyklus ABC-CBA-BCA. Ein Meisterwerk!

Nach seiner ersten Hochblüte war es für den Zweizüger lebenswichtig, dass ihm, ungefähr ab Mitte des letzten Jahrhunderts, die Verführungsphasen allgemein erschlossen wurden, nachdem zuvor höchstens Satzspiele einige Beachtung fanden und Verführungen erst vereinzelt auftraten. Die zusätzlichen Phasen boten reiche Anregung, einerseits für Verführungen, anderseits für neue Zweizüger-Ideen, wobei jetzt Matt-, Paraden- sowie Funktionswechsel wichtig wurden und diese Themen (Le Grand, Dombrovskis, Bannij, Hannelius, Wladimirow, u.v.m.) durch Buchstaben-Schemata verständlich gemacht werden. Weil diese modernen Konzepte schon längere Zeit boomen und daher ständig in den Fachblättern und Spalten auftreten, werden sie hier nicht illustriert. Wie zu Beginn dieses Artikels vermerkt, sollen in demselben lebendig gebliebene Themen klassischen Zuschnitts zu Wort kommen - vielleicht verfasst jedoch ein anderer Autor einen ähnlichen Beitrag mit modernen Konzepten!?

Das faszinierende Thema, das sich der Slowake L'udovit Lacny 1949 ausgedacht hat (1. Preis Przepiorka MT 1949) ist wohl der einprägsamste zweizügige Zyklus: In der ersten Phase, Satz oder Verführung, folgen auf mindestens drei schwarze Züge verschiedene weiße Matts. In der Lösung folgen auf die selben Züge von Schwarz die gleichen Matts, jedoch in neuer Reihenfolge: Mattwechsel durch Mattverschiebung! Nr. 42: 1.– Sf4 a 2.Tg5# A (2.Sg3?), 1.– Df4 b 2.Sg3# B (Le6?), 1.– D:e4 c 2.Le6# C (2.Tg5?), 1.Dc3! [2.De5#] 1.– Sf4 a 2.Sg3# B (2.Tg5?), 1.– Df4 b 2.Le6# C (2.Sg3?), 1.– D:e4 c 2.Tg5# A (2.Le6?). Der Zweizüger-Weltmeister von 2001–2004 verleiht den zweimal drei thematischen Varianten einen besonderen Reiz, indem er sie ergänzt durch virtuose Dualvermeidung! Letztere hat in Nr. 38 den weißen Zyklus überhaupt erst ermöglicht, in dieser Aufgabe vertieft sie die Abspiele.

41 Andrej Lobussow
Sowietskoje Sapoljarie 1976
1. Preis
42 Marjan Kovacevic
Pat a Mat 1998
1. Preis
43 L'udovit Lacny
Magyar Sakklet 1955
2. Preis
#3 (10+7) #2 (12+7) #2 (10+12)

[Für allfällig interessierte Leser soll das hervorragende 2000 erschienene Buch Cyclone von Peter Gvozdjak erwähnt werden. Nebst aufschlussreichen Auskünften findet man 1637 zusammengetragene Diagramme, eine Fülle an problemistischem Erfindergeist! Nebst sieben weiteren Zyklen wurde dem Thema Lacny der prominenteste Platz eingeräumt: zahllose Darstellungen verschiedenster Arten, aus sämtlichen existierenden Problemsparten und vielen Ländern.]

Für den Erfinder des Lacny-Themas war die Herausforderung einer vierten Variante besonders stark – und 1955 konnte er als Erster ein solches Problem vorlegen, Nr. 43. Satz: 1.– Kd5 a 2.S:e3# A! 1.– Sb3 b! 2.L:b3# B!, 1.– Kd3 c 2.Se5# C!, 1.– Sb5 d 2.L:b5# D!. 1.Se2! [2.Dd4#] 1.– Kd5 a 2.Lb3# B!, 1.– Sb3 b 2.Se5# C!, 1.– Kd3 c 2.Lb5# D!, 1.– Sb5 d 2.S:e3# A! (Zwei normale Verführungen 1.Sb5? [2.Dd4#] 1.– Kd3! und 1.Sb3? [2.Dd4#] 1.– Kd5!) In einer meisterlich entworfenen harmonischen Matrix entwickeln sich ganz unforciert wunderschön präzisierte Abspiele, welche in zwei Phasen erstmals die je vier Lacny-Varianten enthalten! Die zyklische Verschiebung von vier Matts gehört zum Schwierigsten, das im orthodoxen Zweizüger, auch ohne Zwillingsform und zusätzliche Umwandlungsfiguren, komponiert werden kann. Großmeister V. Rudenko schrieb noch 1983, diese Taskaufgabe sei eine „unschlagbare Leistung". In der Tat entstanden von 1955 bis Ende 1999 nebst Lacnys eigenen zwei Kompositionen nur noch sechs weitere solche Versionen!

Tritt eine als Zweizügerkonzept erfundene Idee im Dreizüger auf, so besteht einerseits eine gewisse Gefahr, dass es verwässert, etwas verschleiert oder überwuchert wird. Dass man es ohne genaueres Studium der Lösung gar übersieht. Anderseits besteht auch stets die Chance, dass ein solches Thema attraktiv mit anderen Problemideen verbunden wird und trotzdem nicht untergeht. Dem gleichen Thema kann durchaus in verschiedenen Diagrammen beides widerfahren. Besonders schön aber ist es, wenn ein Zweizügerthema im Dreizüger entweder kreativ weitergeführt wird (Nrn. 23 und 29) oder eindrücklich gehäuft erscheint (Nr. 44) Doch das Lacny-Konzept ist eines, dass sich auch im Dreizüger behaupten und herauskristallisieren kann - dank der auffallenden gleich bleibenden Verteidigungen, die es verlangt.

44 Andrej Lobussow
Neue Zürcher Zeitung 1982/83
1. Preis
#3 (11+14)
In Peter Kniests Caissas Schlossbewohner Nr. 2 von 1985 schrieb Andrej Lobussow: „Mein Hobby sind Zyklus-Probleme!" In der Themenliste dieses Großmeisters befinden sich denn auch viele solche Kompositionen, und zufolge dieser Affinität hat ihn auch Lacnys zyklische Zugverschiebung zu mehreren kunstvollen Aufgaben inspiriert.

In Nr. 44 handelt es sich um einen eindrucksvollen Task, von dem es im orthodoxen Rahmen bis Ende 1999 erst vier weitere solche Darstellungen gab! Das zweiphasige Thema wird nun dreiphasig entfaltet! Satz: 1.– b:c5 a 2.Sg4+ A Lf2/T:g1 3.L:f2/e3#, 1.– Ld5 b 2.Le4+ B Dd2/T:d1 3.D:g5#, 2.– K:c5/K:e5 3.Sfd3/Dg7#, 1.– L:e5 c 2.Sfe4+ C T:g1 3.e3#; Verführung: 1.De7? [2.D:d6+ Ld5 3.Se6#] 1.– b:c5 a 2.Le4+ B Dd2/T:d1 3.T:d2/e3#, 1.– Ld5 b 2.Sfe4+ C Lf2/T:g1 3.L:f2/e3#, 1.– L:e5 c 2.Sg4+ A Kd5/T:g1 3.Le4!/D:e5# aber 1.– c:d3! Lösung: 1.Dc7! [2.D:d6+ Ld5 3.Se6#] 1.– b:c5 a 2.Sfe4+ C! Kd5/K:e5 3.D:d6#, 2.– Lf2/T:g1 3.D:c5#, 1.– Ld5 b 2.Sg4+ A L:f2/T:g1 3.L:f2/e3#, 1.– L:e5 c 2.Le4+ B Dd2/T:d1 3.T:d2/S:d1# (1.– K:e5 2.Sg4+ Kd5 3.Le4#, 2.– f:g4/h:g4 3.T(:f5)#, 1.– c:d3 jetzt 2.Tf:d3+! Kc4 /K:e5 3.Td4!/D:d6#) also ABC-BCA-CAB. Der Fokus liegt in dieser Aufgabe auf den drei wechselnden Königs-Fluchtfeldern in der 6. Reihe. Souverän variiert wird das Spiel der zwei direkten weißen Batterien, wobei die gleichbleibenden schwarzen Züge in allen drei Phasen auch zu Blockschäden führen können. Dieses reichhaltige Meisterwerk rundet unsere Diagramm-Serie ab.

Zum Abschluss folgt ein Gedanke aus dem Buch Solving in Style von John Nunn. Dieser britische Großmeister der Schachpartie wandte sich auch dem Kunstschach zu und konnte auf diesem Gebiet seinen zweiten Großmeistertitel erringen, jenen der Sparte Schachproblem-Lösung. Er schreibt: „Chess problems are an unusual art form in that the audience (solvers) have to participate actively, by solving the problem, in order to appreciate the artist's message." „Schachprobleme sind eine ungewöhnliche Kunstform, da das Publikum (die Löser) sich aktiv beteiligen muss, indem es das Problem löst, um die Botschaft des Künstlers schätzen zu können."

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