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Heft 230, April 2008 voriges Heft nächstes Heft

Kalenderblatt

Erinnert sei zunächst an zwei vor 25 Jahren verstorbene Problemisten, denen bereits eine frühere Kalenderblatt-Notiz zu ihren 100. Geburtstagen gewidmet war: Des dänischen Komponisten Arthur Madsen (5.11.1900-26.3.1983) wurde in Heft 186 gedacht, und in Heft 197 erschien schon eine Notiz zum Würzburger Karl Ursprung (14.9.1902-28.4.1983). Ebenfalls vor 25 Jahren verstarb hochbetagt Bruno Kantorowicz (31.12.1885-7.4.1983), ein Bruder des bekannten Zahnmediziners und Sozialpolitikers Alfred Kantorowicz. Er wirkte als Zahnarzt in Berlin, bevor er infolge nationalsozialistischer Verfolgung emigrieren musste. Nach dem Krieg lebte er in den Niederlanden, und in der 1964 von unserer Schwestervereinigung "Nederlandse Bond van Probleemvrienden" herausgegebenen Schrift 64 Nederlandse componisten in 1964 wurde er als niederländischer Komponist geführt.

Der Wiener Karl Hajek (1890-7.3.1958) beschäftigte sich seit 1910 als Autodidakt mit problemtheoretischen Fragen und erarbeitete sich ohne literarische oder persönliche Unterstützung eine ganz eigene Problemtheorie, die er 1915 in einem Aufsatz für die Wiener Schachzeitung niederlegte, der dann aber dort nicht erschien, sondern erst 1923 an anderer Stelle. Mit seiner Theorie stand Hajek allein da, seine offenbar deutlich von der neudeutschen Schule abweichende Auffassung führte sogar zu persönlichen Konflikten mit dem Wiener Problemistenkreis um Halumbirek. Anfang der 50er Jahre fand Hajek jedoch Unterstützung durch den Problemredakteur der Österreichischen Schachzeitung. W. Hagemann berichtete 1954 in Schach-Echo über den damals offenen Ausgang des Meinungsstreits. Nach Hajeks Tod vor nunmehr 50 Jahren scheint seine Theorie, von Experten als "kraus" bezeichnet, untergegangen zu sein.

Hermann von Gottschall (16.10.1862-7.3.1933) war der Sohn Rudolf von Gottschalls (1823-1909), der nicht nur ein bekannter Dichter des 19. Jahrhunderts war, dessen literarische Arbeit mit dem adeligen "von" geehrt wurde und der auch selbst eine bedeutende schachliche Rolle spielte - gehörte er doch zu den Gründungsvätern des Deutschen Schachbundes. Unser vor 75 Jahren verstorbener Jubilar war ab 1887 Herausgeber der Deutschen Schachzeitung (bis 1890 gemeinsam mit von Bardeleben, danach allein bis 1896), erfolgreicher Partiespieler, Problemkomponist und Schachschriftsteller. Nicht nur seine bedeutende Anderssen-Biografie von 1912 ist noch heute ein gesuchtes Werk, sondern auch seine Kleine Problemschule (1885) und die Streifzüge durch das Gebiet des Schachproblems (1926) sind unvergessen.

Ferdinand Metzenauer (24.3.1908-5.3.1968), der zwischen den Weltkriegen in München lebte (nach 1945 verschlug es ihn dann in den Bayerischen Wald, wo er eine Gärtnerei betrieb), kam über das Arbeiterschach zum Problemschach. Anfangs befasste er sich mit Zwei- und Dreizügern, doch bekannt wurde er als Komponist logischer Drei- und Mehrzüger. 1934 stellte er in der Schwalbe in einem Aufsatz sein als "Münchner Idee" bekannt gewordenes Thema vor, von dem hier ein Beispiel gezeigt sei (Diagr. 1: 1.c3? (droht 2.Sc2#), da der Td3 nun verstellt ist, verteidigt 1.- Tf1!; entsprechend 1.c4? Tg1! Der Schlüssel 1.DfS! droht 2.Da8#, zur Verteidigung muss Schwarz dem Lh1 die Diagonale h1-a8 öffnen, 1.- Tfg3 2.c4 Tg1 3.Ta3#; Weiß behindert im 2. Zug eine weiße Nutzungsfigur (Td4), weil sie nun eine unmöglich gemachte schwarze Schädigung (Tg4-g1) nicht mehr zu kontrollieren braucht; Entsprechendes gilt mit analoger Begründung für 1.- Te3/Th3 2.c3 Tg1 3.Ta4#.

Mehrfache Drohungen sind in der Regel unerwünscht, doch anders ist es beim Fleck-Thema, wo es darum geht, dieselben durch schwarze Verteidigungszüge zu differenzieren. Wie weit dieses Spiel getrieben werden kann, zeigt die Aufgabe 2 von Overkamp, in der nach 1.Sf2 nicht weniger als sieben Drohungen (2.De4/Df4/Sd3/Te1/Dc5/Dc3/d4#) durch die schwarzen Züge eindeutig separiert werden: 1.- T:g3 2.De4, 1.- S:f2 2.Df4, 1.- S:g3 2.Sd3, 1.- e:f5 2.Te1, 1.- T:h4 2.Dc5, 1.- Tf~ 2.Dc3 und 1.- a:b4 2.d4#. Den Erfinder dieses Vorwurfs, Ferenc Fleck (17.2.1908-25.2.1994), konnte der Schreiber 1987 bei einem Besuch des Münchner Problemkreises in Budapest noch persönlich kennenlernen.

1 Ferdinand Metzenauer
Die Schwalbe 1934
2 Petrus Overkamp
Niederländisches JT 1951–52
2. Preis
3 Stefan Schneider
Schach-Express 1948
#3(7+11)#2(11+9)#4(8+4)

Stefan Schneider (24.4.1908-8.12.1980) war einer der bedeutenden Theoretiker der neudeutschen Schule. In seinem 1948 im von Herbert Grasemann betreuten Problemteil des Schach-Express erschienenen Aufsatz "Zweckökonomie" führte er Holzhausens Überlegungen zur relativen Zweckreinheit weiter und brachte sie in Verbindung mit dem Ökonomieprinzip. Zusammenfassend stellt er am Ende seines Aufsatzes fest: Dieses Prinzip "verlangt nach neudeutscher Auffassung nicht nur Ökonomie im Materiellen, sondern auch Ökonomie im Gedanklichen, d. h. eine Ökonomie der Gründe, aus denen gehandelt wird. Diese Gründe sind abzulesen an den Zwecken der ausgeführten Bewegungen. Die Zwecke also sind es, mit denen der neudeutsche Komponist hauszuhalten hat." In der Beispielaufgabe 3 scheitert der Hauptplan 1.K:a2 nebst 2.Lb3 zunächst an 1.- Ta6+. Mit dem indirekten Vorplanmanöver 1.Te4+ T:e4 könnte diese Störung beseitigt werden, aber dann gäbe es die beiden neuen Hindernisse 2.- Te2! und 2- Te3! Ein weiterer Vorplan überwindet beide zugleich: 1.Th5! Th6 2.Th4+ T:h4 3.K:a2, 4.Lb3#. In den Probespielen 1.TfS? Tf6 2.Tf4+ T:f4 3.K:a2 T:f3! und 1.Tg5? Tg6 2.Tg4 T:g4 3.K:a2 T:g2! wird jeweils nur eines der beiden Hindernisse beseitigt, zur Lösung sind aber beide auszuschalten. Diese zusätzlichen Problespiele beweisen die Zweckökonomie des indirekten Vorplans 1.Th5 Th6 2.Th4+ T:h4; fehlte nur eines davon, verstieße die Darstellung gegen das Prinzip der gedanklichen Ökonomie.

Erinnert sei an den 100. Geburtstag von Enrico Paoli (13.1.1908-15.12.2005), der unter anderem Begründer des Turniers von Reggio Emilia war, das kürzlich seine 50. Auflage feierte. Neben seinem lebenslangen partieschachlichen Einsatz war er auch ein erfolgreicher Studienkomponist, dem über 170 Preise in Studienturnieren zuerkannt wurden. (Verwiesen sei auch auf die Würdigung Paolis in Heft 217, Februar 2006).

Numa Preti (27.2.1841-28.1.1908) war der Sohn von Jean Preti (1798-1881), dem Gründer der legendären Zeitschrift La Stratégie (seit 1867), deren Erscheinen er nach dem Tod des Vaters zeit seines Lebens fortführte (danach lief sie noch bis 1940 unter Delaire weiter). Daneben erschienen unter Pretis verlegerischer Tätigkeit viele bedeutende Arbeiten, unter anderem das wichtige theoretische Werk Tratté analytique du probleme d'echecs von Tolosa y Carrera (1892) und mehrere frühe Bände der Christmas Serie von A. C. White.

Der Name Gerke Luiten de Boer (13.11.1828-1883) dürfte heute, 125 Jahre nach dem Tod des Autors, kaum noch jemandem ein Begriff sein. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Klassiker wie Bayer, Nowotny, Grimshaw, Healey, Loyd und viele andere grundlegende Entdeckungen machten, war das Problemschach in den Niederlanden noch kaum entwickelt; de Boer war einer der Ersten, der damals in den Niederlanden aktiv wurde, allerdings ohne große Resonanz. A. van Eelde, der 1907 eine Aufgabensammlung Neederlandsche Schaakproblemen herausgab, musste einräumen, de Boer nicht zu kennen, wie uns E. Mazel in dem 1924 erschienenen Band Meister des Problems berichtet. Dr. Niemeijer hat 1941 den zweiten Band der Reihe "Probleemcomponisten" dem Werk de Boers gewidmet und den Autor damit wohl vor dem endgültigen Vergessenwerden gerettet.

Frederic (Fred) Lazard (20.2.1883-18.11.1948) war nicht nur ein starker Spieler - u. a. gemeinsam mit Chéron französischer Meister 1926 - sondern auch ein vielseitiger Komponist, der neben Zwei-, Drei- und Mehrzügem auch Selbstmatts und Studien schuf - zu letzteren sei verwiesen auf den vor drei Jahren erschienenen Artikel von Stephen Rothwell in Die Schwalbe, Heft 211. Neben der 1929 erschienenen Sammlung seiner eigenen Aufgaben Mes problèmes et etudes d'echecs publizierte Lazard viele Artikel zu einem breitgefächerten Themenspektrum.

Der vor 175 Jahren geborene Arthur Gebiert (5.4.1833-13.1.1904) gehört zu den "Gründungsvätern" der logischen Problemschule und trat mit seiner 1903 erschienenen Schrift Über das Wesen des Schachproblems kurz vor dem Ende seines Lebens plötzlich ins Rampenlicht der Problemwelt, die ihn bis dahin kaum kannte. Lediglich einige Aufgaben hatte er vorher sporadisch veröffentlicht, daneben war er nur durch seine 1902 gemeinsam mit Johann Berger und Franz Schrüfer ausgeübte Preisrichtertätigkeit im Problemturnier des Deutschen Schachbundes hervorgetreten. Abseits des Schachbretts war Gebiert jedoch eine bekannte Persönlichkeit in Industrie und Politik. Er gründete 1875 eine Fabrik , die später in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, daneben gehörte er acht Jahre dem Deutschen Reichstag an und übte auch viele Ehrenämter aus. Gebiert hatte sich bei seinen vielseitigen Aktivitäten, zu denen auch künstlerische und philosophische Interessen zählten, als klassischer Selfmade-Man erwiesen und daher auch eine eigene Blickweise auf die Problemkunst entwickelt. Wie Paul Schellenberg in seiner Laudatio zum 70. Geburtstag Gehlerts im Deutschen Wochenschach 1909 schreibt, war er selbst dabei, als Gehlert und Kohtz 1902 über Wochen und Monate hinweg in Diskussionen ihre Ansichten über das Wesen des Problems entwickelten. Kohtz soll Gehlert immer wieder gedrängt haben, seine Gedanken aufzuschreiben, bis der sich endlich entschloss, dem Drängen nachzugeben und damit neben dem Indischen Problem eine der Grundlagen der neudeutschen Schule zu schaffen. Altmeister Philipp Klett, unverdächtiger Repräsentant der klassischen altdeutschen Schule, nahm damals nur noch selten von neuer Problemliteratur Kenntnis, wendete den Gehlert'schen Aufzeichnungen aber seine lebhafte Aufmerksamkeit zu. Er hielt sie für sehr geistreich und anregend und sprach ihnen "für diejenigen, denen die Problemkomposition als Kunst gilt", auch eine starke Beweiskraft zu - allerdings gestand Klett selbst dem Problemschach den Kunstcharakter nicht zu. Aber Klett schrieb am 24.5.1903 in einem Brief an Kohtz und Kockelkorn: "Im übrigen ist ja zuzugeben, dass alle sogenannten Problemgesetze immer nur relative und keine absoluten sind und dass die Kombination, die Durchführung des Gedankens, voranstehen muss." Darf man daraus ableiten, dass Klett letztlich doch bereit war, dem Ideenproblem einen Vorrang vor der strikten Befolgung der Berger'schen Kunstgesetze den Vorrang zu geben?

Ebenfalls vor 175 Jahren wurde William Henry Russ (1833-3.1.1866) geboren, der zunächst unter dem Pseudonym William Russ Henry publizierte und später, nach einer gesundheitsbedingten einschneidenden Veränderung seiner Lebensumstände, auch offiziell seinen Namen so änderte. Russ/Henry komponierte zwar nur wenige Aufgaben, war aber ein begeisterter Sammler und erfasste alle Probleme aus allen Schachwerken, derer er habhaft werden konnte. Von der Lasa schreibt in der DSZ 1873, dass er 1862 seine Unterlagen so weit vervollständigt hatte, dass er zu fast jeder bis 1840 veröffentlichten Komposition Autor und Quelle der Erstveröffentlichung nachweisen konnte. Dieses Quellenstudium ist in der damaligen Zeit umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass noch lange danach viele Problembücher ohne Quellenhinweise erschienen. Daneben bereitete er auch eine Sammlung amerikanischer Probleme vor, deren Veröffentlichung - wohl hauptsächlich wegen ihres Umfangs!? - zunächst scheiterte und erst nach seinem Tod und unter Mitarbeit von E. B. Cook und C. A. Gilberg gelang: es sind die legendären American Chess Nuts von 1868, eine gewaltige Sammlung von über 2400 Problemen amerikanischer Komponisten, die alle nach 1844 veröffentlicht wurden: nach Henrys Aufzeichnungen wurde das erste "amerikanische" Problem am 1.3.1845 in der Spirit of the Times veröffentlicht, ein Selbstmatt in 4 Zügen von C. H. Stanley, einem aus England eingewanderten Komponisten.

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